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← Zurück zum Blog · 9. Februar 2026

Die Geschichte der Allmende – was wir daraus lernen können

Von Dr. Ulrich Gausmann

Es gab eine Zeit, da gehörten Wald, Wiesen und Gewässer nicht einzelnen Menschen, sondern der Gemeinschaft. Die Allmende – ein System gemeinschaftlichen Eigentums, das über Jahrhunderte funktionierte und den Menschen Sicherheit gab. Dann kam die Einhegung, die Privatisierung, der Ausschluss der Vielen zugunsten weniger. Was können wir heute aus dieser Geschichte lernen?

Was war die Allmende?

Der Begriff „Allmende" (auch Gemeindeflur, Gemeinheit oder Commons) bezeichnet Land und Ressourcen, die gemeinschaftlich genutzt wurden – Weiden, Wälder, Gewässer, Torfmoore, Wiesen. Niemand besaß sie allein, aber alle hatten Zugangsrechte, unter klaren Regeln: Wie viele Tiere durfte jeder Bauer auf die Weide treiben? Wann durfte Holz geschlagen werden? Diese Regeln wurden von der Gemeinschaft selbst aufgestellt und kontrolliert.

Warum funktionierte die Allmende?

Drei Prinzipien trugen das System: eine begrenzte Nutzergruppe (Mitglieder der Gemeinde, soziale Kontrolle), klare Regeln (von der Gemeinschaft beschlossen, nicht von oben verordnet) und gemeinschaftliche Pflege (Wege, Zäune, Bewässerungsgräben – wer nicht mithalf, verlor seine Nutzungsrechte). Das Ergebnis: ein System, das über Jahrhunderte stabil blieb, ohne Übernutzung.

Der Untergang: Die Einhegung

Ab dem 15. Jahrhundert begannen in England Landbesitzer, gemeinschaftlich genutzte Flächen einzuzäunen und zu Privateigentum zu erklären. Die Begründung: Privatbesitz sei effizienter. Die Realität: Bauern verloren ihre Existenzgrundlage und wurden zu Tagelöhnern oder billigen Arbeitskräften in den entstehenden Fabriken. Das „Enclosure Movement" privatisierte zwischen 1750 und 1850 über 6 Millionen Acres gemeinschaftlich genutzten Landes in England. Der Sozialhistoriker Karl Polanyi nannte dies „The Great Transformation".

Die Allmende-Tragödie: Ein Missverständnis

1968 veröffentlichte der Biologe Garrett Hardin die These, Gemeineigentum führe zwangsläufig zur Übernutzung – bis heute wird sie zitiert, um Privatisierung zu rechtfertigen. Doch Hardin verwechselte „Commons" (gemeinschaftlich bewirtschaftete Ressourcen mit klaren Regeln) mit „Open Access" (freier Zugang ohne Regeln). Die Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom zeigte in jahrzehntelanger Forschung, dass gemeinschaftlich bewirtschaftete Ressourcen unter bestimmten Bedingungen sehr wohl nachhaltig funktionieren – oft besser als privatisierte oder staatlich verwaltete Ressourcen.

Ostroms acht Erfolgsfaktoren: klar definierte Grenzen, Regeln passend zu lokalen Bedingungen, Mitbestimmung aller Nutzer, gegenseitiges Monitoring, abgestufte Sanktionen, Konfliktlösungsmechanismen, Anerkennung durch äußere Autoritäten und verschachtelte Institutionen bei großen Systemen.

Moderne Allmende: Sie existiert bereits

Genossenschaftliche Almen in Alpendörfern, Bodenstiftungen wie „trias", die Land der Spekulation entziehen und im Erbbaurecht vergeben, gemeinschaftliche Allmende-Gärten in Städten, die Wissens-Allmende Wikipedia und Open-Source-Software sowie Energiegenossenschaften – überall finden sich moderne Formen der Allmende.

Was lernen wir daraus?

  1. Gemeinschaftseigentum funktioniert – unter den richtigen Bedingungen: klare Regeln, begrenzte Nutzergruppen, Mitbestimmung, soziale Kontrolle.
  2. Privatisierung ist politisch gewollt, nicht „natürlich" – wenn öffentliche Güter privatisiert werden (Bahn, Post, Energie, Wasser, Wohnungen), ist das eine politische Entscheidung, kein Naturgesetz.
  3. Die „Tragödie der Allmende" ist ein Missverständnis – das Problem ist nicht das Gemeineigentum, sondern fehlende Regeln und fehlende Mitbestimmung.
  4. Eigentum bedeutet Verantwortung – wer nutzt, muss auch pflegen. Wer nimmt, muss auch geben.

Die Allmende im Drei-Säulen-Modell

Säule 2 (gemeinschaftliches Infrastruktureigentum) ist im Grunde moderne Allmende: Produktionsmittel, Energieerzeugung und Grundstücke werden gemeinschaftlich organisiert – nach Regeln, die die Gemeinschaft selbst beschließt. Säule 3 schafft Verbindungen zwischen privatem und gemeinschaftlichem Eigentum, ähnlich wie die historische Allmende, wo jeder Bauer sein eigenes Vieh hatte, aber die Weide gemeinsam nutzte.

Die Frage ist nicht, ob wir eine neue Allmende brauchen. Die Frage ist: Wann fangen wir an?

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